Im Paradies

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Sonntag früh: das Zisterzienserkloster Maulbronn lag im grauen Regenmantel und nur wenige Touristen schlenderten über das weitläufige Gelände. Ich hatte hinter vorgehaltener Hand einen Konzert-Tipp, aber nur ungefähre Angaben zu Ort und Zeit bekommen. Also bezog ich Posten auf der Terrasse des Cafés »Klosterkatz«. Die Sonntagskonzerte des ehemaligen Klosterschülers Nils Wanderer hatten sich herumgesprochen und für zu viel Publikum gesorgt. Was für ein Paradigmenwechsel, rang doch die Klassik bis vor kurzem noch um jeden Besucher!

Schließlich entstand vor der Kirche Bewegung und Tonfetzen wehten über den Klosterhof.  Ich sah, wie Noten mit Wäscheklammern an Notenständern vertäut wurden und machte mich auf den Weg. Zuhörer gruppierten sich corona-konform im Durchzug der Vorhalle. Erste Klänge von Giovanni Battista Pergolesis „Stabat Mater“ ließen Wind und Regen vergessen. Die Stimmen von Nils Wanderer und Heike Porstein legten sich im Sekundabstand übereinander und erweckten jenes Wunderwerk zu neuem Leben, das zu den meist kopierten Werken seiner Zeit gehörte und zahlreiche berühmte Bearbeiter fand. Pergolesi hatte es 1736 kurz vor seinem Tod und schon von Schwindsucht gezeichnet geschrieben. Es war ein großer Wurf, Pergolesi wurde nur 26 Jahre alt.

Ich kenne Maulbronn gut, denn die bestens erhaltene mittelalterliche Anlage ist auch Stätte der Musik und die sommerlichen Klosterkonzerte genießen überregionalen Ruf. Viele Jahre gehörte es zu meinen Aufgaben, eine handverlesene Solistenriege aus England für die Händeloratorien zusammenstellen. Berühmte Namen der Originalklangszene wie Emma Kirkby oder Michael Chance kamen trotz moderatem Budget sehr gerne, denn in Maulbronn herrscht ein besonderer Geist.

Das Kloster beherbergt seit 1556 das Internat der evangelischen Landeskirche, einst Kaderschmiede des theologischen Nachwuchses. Der Wikipedia-Eintrag der Ehemaligen liest sich wie das „Who is Who“ der baden-württembergischen Intelligenzia: Wilhelm Hauff, Hermann Hesse, Friederich Hölderlin, Johannes Keppler. Und entweder prägen die Menschen den Ort oder der Ort die Menschen. Für mich hat sich die Fahrt hierher gelohnt, denn in der überirdischen Klage im grauen Klosterhof konnte mein Schmerz der vergangenen Wochen aufgehen. Das hatte bis dato kein noch so exzellentes Streamingkonzert vermocht.

Zuletzt entdeckte ich an der Wand ein kleines Schild und las, wie ich mich fühlte: Im Paradies.

Stabat Mater mit Philippe Jaroussky und Emöke Barath

Herzensbildung

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In meiner Lieblings-Radio-Sendung ging es neulich um die verändernde Kraft von Bildung. Allein eine markante ästhetische Bildungserfahrung helfe, sich selbst zu erkennen und böte damit die Chance zur Veränderung. Ich dachte, wenn das stimmt, ist es ein schlagendes Argument für die Systemrelevanz von Kunst.

Mit elf Jahren erlebte ich eine „Messias“- Aufführung in unserem Dorf. Gesungen wurde auf Deutsch, die historische Aufführungspraxis war noch unbekannt und auf dem Land verstand sowieso keiner englisch. Der Kirchenchor hatte sich mit dem Kirchenchor des Nachbardorfes und dem örtlichen Orchester zusammengetan.

Eine Herkulesaufgabe, denn alle waren Laien und nicht jeder Chorist konnte Noten lesen. Nach vielen Monaten zähen Übens war es endlich soweit: Meine Eltern und meine großen Brüder spielten im Orchester. Meine Mutter hatte mich mit einer Belohnung geködert, wenn ich die mutmaßlich sterbenslangweiligen Stunden durchhielt, um anschließend Spenden zu sammeln. Es begann mit einer harmlosen Orchestereinleitung und auch das anschließende Tenorsolo beeindruckte mich wenig. Der erste Chor „Denn die Herrlichkeit Gottes des Herrn“ ließ mich aufhorchen, denn die Musik swingte. Als schließlich der Basssolist mit „So spricht der Herr“ loslegte, war ich hellwach. Einige Nummern später führte unser Nachbar, im Hauptberuf Winzer und Leiter des Kirchenchors das Volk, das im Dunkeln wandelt, stimmgewaltig ans Licht. Als schließlich der Chorsopran „Es ist uns ein Kind gegeben“ anstimmte, ging mir das Herz auf. Ich wurde von der Schönheit der Musik davongetragen und spürte die Wirkung dieser Musik: sie macht glücklich.

Der „Messiah“ gehört zu den weltweit am meisten gespielten Oratorien und wurde von Händel nach einer Krise in sagenhaften 24 Tagen komponiert. Es ist zweifellos ein Meisterwerk mit Potential für eine markante ästhetische Bildungserfahrung. Mittlerweile habe ich es zahllose Male gehört und gesungen, aber wenn die Soprane die Nummer zwölf anstimmen, zieht immer noch ein warmes Gefühl durch meine Brust.

„For unto us a child is born“ mit dem London Symphony Orchestra

Acht Fragen an Thomas Stimmel

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»Ich weiß, wir werden Lösungen finden«

Beruf: Bass-Bariton, Verleger, Kunstfotograf und Bildjournalist
Herkunft: Deutsch-Afroamerikanisch
Alter: 34 Jahre, ein Sohn
Special interest: Dialog fördern

Du sagtest, dass Volkslieder am Beginn deiner Laufbahn standen. Spielen sie immer noch eine Rolle in deinem Repertoire?

Ich wuchs mit Mutter und Großmutter auf dem Land südlich von München auf. Mein Vater war als GI in Deutschland stationiert gewesen, kehrte dann aber in die USA zurück. Im Kreis der sieben Geschwister meiner Mutter wurde viel musiziert und vor allem Volkslieder gesungen. Ich habe das sehr genossen, Gesang im Ensemble ist für mich heute noch ein Stück Heimat.

Du hast auch im Tölzer Knabenchor gesungen. War das auch ein Stück Heimat?

Mit sechs wurde ich vom Tölzer Knabenchor gescoutet, kam aber schon mit elf Jahren in den Stimmbruch. Ich war ehrlich gesagt froh, dem Druck eines Profi-Knabenchors zu entkommen und hatte von der Klassik erst einmal genug.

Warum hast du dann trotzdem Gesang studiert?

Über die Renaissance bis zum Pop und Jazz im Jugendchor von Wolfratshausen fand ich zurück zum Singen. Wir hatten einen genialen Chorleiter, der uns begeisterte und förderte. In der Zeit gründete wir mit „Sound Affaire“ ein a-cappella-Sextett, ließen uns professionell coachen und gewannen einige Preise. Folgerichtig habe im Studium zunächst viel in Ensembles gesungen und erst die Kollegen im Chor des Bayerischen Rundfunks haben mir den endgültigen Schubs an die Bühnenkante gegeben.

Du hast vor einigen Jahren „Roots/Wurzeln“ mit Werken dunkelhäutiger Komponisten aufgenommen, hat das etwas mit deiner eigenen Geschichte zu tun?

Mit vier Jahren sah ich mit meiner Oma in unserem mini schwarz-weiß-Fernseher Wagners „Holländer“. Die Titelrolle, den schauerlichen untoten Holländer, sang Simon Estes – und der war schwarz wie ich. Das hat mich sicher geprägt

Wie hat sich diese Prägung auf deine musikalische Entwicklung ausgewirkt?

In meiner Diplomarbeit habe ich mich mit dem Thema „Apartheid im klassischen Gesang“ befasst und habe nebenbei entdeckt, dass es schon zur der Zeit von Händel und Mozart einige sehr erfolgreiche dunkelhäutige Komponisten gab. Deren Werke sind völlig unbekannt. Mit dem Pianisten Philipp Vogler und dem Ensemble Eroica Berlin habe ich eine Auswahl mit Liedern aus der Romantik und Moderne aufgenommen

Auf der Startseite deines Presseportals „Frische Sicht“ steht: „Ein freier und unabhängiger Journalismus ist Grundlage einer guten Gesellschaft“. Die Seite hatte in den ersten drei Wochen 6000 Zugriffe. Worum geht es in diesem Presseportal?

Kunst muss der Gesellschaft den Spiegel vorhalten, dafür braucht uns die Gesellschaft. In dieser Krise werden wir als nicht systemrelevant eingestuft. Das ist alarmierend. Wir müssen uns fragen, ob wir unsere Aufgabe erfüllt haben. Künstler sind zwar Individualisten, aber wir müssen mehr zusammenhalten. Wir Künstler müssen mit dem was wir tun, ein Publikum finden, schließlich leben wir von der Gunst dieser Menschen. Aber aus Erfahrung weiß ich, dass man nicht ernst genommen wird, wenn man es allen immer nur recht machen möchte. Meine Oma hatte mir als einziges dunkelhäutiges Kind im Ort eingeschärft, ja nicht anzuecken. Später habe ich gelernt, dass man eine eigene innere Haltung haben und verteidigen muss.

2017 hast du den Verlag „ars vobiscum“ für CDs und Kunstliteratur gegründet, seit 2019 studierst du außerdem Kunstfotografie. Außerdem zeichnest du für ein Presseportal verantwortlich. Bist du ein Universalkünstler?

Eines befruchtet das andere. Seitdem ich mich im Kunststudium unter anderem mit Medienphilosophie beschäftige, verstehe ich dramaturgische Ansätze besser. Die Beschäftigung mit dem Raum, macht mich bei Opernproben sensibler für die eigene Bewegung und die dadurch entstehenden „Bilder“. Dadurch kann ich bessere Ideen einbringen, da ich das große Ganze besser verstehe.

Auf deinen Kalender steht der lapidare Satz: „Alle Konzerte wegen Corona abgesagt“. Du bist Familienvater, hast du Angst?

Nein, ich bin ohne Angst. Wir sind alle nicht auf den Kopf gefallen und werden Lösungen finden. Es geht jetzt darum, die Zukunft sinnvoll und nachhaltig zu gestalten.

Die Stille vor dem Sturm

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Am 11. März hörte ich das letzte öffentliche Konzert in Stuttgart. Rückblickend erscheint mir sein Titel „Krieg und Frieden“ visionär, denn tags darauf begann für die freie Musikszene der Überlebenskampf. „First in - last out“ lauten seitdem die Restriktionen der Regierungen für den Konzertbetrieb. Die Frage, ob Konzerte systemrelevant sind, wurde nicht diskutiert. Musiker und die dazugehörigen Berufsgruppen wurden als Randgruppe eingestuft, fanden schlicht keine Erwähnung und wurden mit Berufsverbot auf unbestimmte Zeit belegt.

Ich habe das Konzert in glasklarer Erinnerung, denn kein Live-Eindruck konnte sich bislang davorschieben. Der Mozartsaal war trotz ausverkauftem Haus nur halb besetzt, die Atmosphäre hoch emotional, gespannt und Angst beladen. Es war für alle spürbar, dass etwas Tiefgreifendes, Verstörendes bevorstand. Es war die Stille vor dem Sturm.

Miriam Feuersinger und Georg Poplutz sangen engelsgleich Arien und Duette aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Das Freiburger Barock-Consort, ein Ableger des Freiburger Barockorchester, hatte dieses Programm dem deutschen Frühbarock gewidmet. Kaum bekannte Komponisten wie Johannes Kindermann, Johann Schop, Melchior Franck und Andreas Hammerschmidt beschreiben das Grauen des Krieges. Nach der Pause wurde dem Frieden gehuldigt. Heinrich Schütz und Johann H. Schein danken Gott, der damals für alles zuständig war. Diese frühe Musik besticht mit schlichter Schönheit und klaren Aussagen.

Mich beeindruckt, wie die Komponisten in dieser schweren Zeit die Hoffnung nicht aufgaben und diese wunderbare Musik schrieben. Sie spendeten Trost, weckten Hoffnung und waren zu hundert Prozent systemrelevant für ihre Zeitgenossen!

Sieben Fragen an Julia Sophie Wagner

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„Ewige Coolness“

Beruf: Dramaturgin, Produzentin und Darstellerin
Herkunft: Münchner Kindl
Alter: diese Frage stellt man einem lyrischen Sopran nicht
Special interest: social media

Bach und der Thomanerchor sind Leitmotive in deiner Biografie. Seit 800 Jahren sind aber Frauen in diesem Kontext nicht vorgesehen, wie bist du trotzdem dazugekommen?

Ich bin in München aufgewachsen als Tochter einer Sängerin und eines ehemaligen Thomaners, der unter Karl Richter im Münchner Bachchor sang. Bachkantaten gehören für mich zum Sonntag wie der Senf zur Weißwurst. Das Schicksal wollte es, dass ich einen Thomaner heiratete - und in der dritten Generation setzt mein Sohn diese Tradition fort. Wenn ich gemeinsam mit dem Thomanerchor auftrete, kann man sagen: mehr Thomaner geht nicht als Frau.

Was schätzt du an der Musik Bachs?

Sie erklärt das Universum. Wenn ich Bach singe, verstehe ich mich als Medium. Ich erwecke seine Musik zum Leben und versuche, den Zuhörern die darin enthaltenen großen Wahrheiten zu vermitteln.

Bei der Premiere deines Programmes „Bachbauhaus“ in Duisburg erzähltest du von weiteren Projekten wie deinem Musikvideo „LOST - #dubistdieruh“ oder dem Musikmärchen „Prinzessin Elise“. Singen allein reicht dir also nicht, sondern du bist Dramaturgin, Produzentin und Sopran in Personalunion?

Ich habe viele Ideen und probiere gern neue Dinge aus. Es ist mir wichtig, die Gattung Lied und die „Neue Musik“ aus der Nische zu holen. „Prinzessin Elise“ entstand aus dem Wunsch, Kindern die schönsten deutschen Kunstlieder näher zu bringen, Musikvideos der Pop-Ikonen inspirierten mich zu „LOST - #dubistdieruh“.

Du hast in „LOST - #dubistdieruh“ ein Schubertlied mit eigenen Bildern und Szenen inszeniert. 3206 Klicks hat das bis heute gebracht, Erfolg oder Enttäuschung?

Für mich war die Arbeit an diesem Video eine großartige Spielwiese - von der Idee über die Produktion bis zur Ausführung. Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich, vom Vorwurf, mich zu produzieren, bis zu schierer Begeisterung. Ich hatte mir zwar eine breitere Wirkung erhofft, aber es haben sich interessante Kontakte in die Video-Szene ergeben.

Fotos zeigen dich mit weißen Haaren und in großer Robe, wie wichtig ist das Outfit?

Ich fühle mich zur Schönheit hingezogen und habe Spaß an der Darstellung. Es ist Teil meines Künstlertums und nach ersten entsetzten Protesten meiner Kinder sind die weißen Haare zu einem Markenzeichen geworden. Außerdem habe ich das Glück, dass mich das Münchner Label Talbot Runhof mit außergewöhnlicher Konzertkleidung ausstattet. Daheim allerdings trage ich Jeans und T-Shirt und schaue nicht in den Spiegel.

Bist du ehrgeizig?

Ich neige zu einem gewissen Perfektionismus, mit dem ich meine Familie manchmal in den Wahnsinn treibe. Aber ich hatte schon im Studium verstanden, dass ich alle Möglichkeiten ausschöpfen muss, um mich als freie Sängerin auf dem Markt zu behaupten. Das heißt alle Dinge - sei es Kunst oder Marketing - möglichst gut zu machen, da fühle ich mich den Komponisten, den Kollegen und dem Publikum verpflichtet.

Lyrische Soprane singen das leichte Fach, verkörpern eher Mädchen als gestandene Frauen. Hast Du Angst vor dem Alter?

Schreckliche! Ich habe fast mein gesamtes bisheriges Berufsleben auf mein Alter gestarrt und bei jedem Job gedacht „bald bin ich zu alt!“. Vor kurzem habe ich beschlossen, mich damit nicht mehr zu belasten und habe „ewiger Jugend“ durch „ewige Coolness“ ersetzt. Das heißt: mich selbst nicht zu ernst zu nehmen, Ruhe zu bewahren und offen zu bleiben.

Musikvideo Lost - #dubistdieruh
https://juliasophiewagner.de/du-bist-die-ruh/

Acht Fragen an Benedikt Kristjánsson

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„Ich singe jedes Konzert, als ob es mein letztes wäre“

Beruf: Tenor, global singer
Geburtsort: Húsavík, ein Fünfzehn-Seelendorf im Norden Islands
Alter: 33 Jahre, drei Kinder
Special interest: Bach, Evangelist

Du bist in Húsavík geboren, ein Nest an der Nordküste Islands- Lebt ein Stück Wikinger in dir fort?

Die Insel hat mich geprägt. Ich liebe die Landschaften, die Kultur und die Menschen. Die Volkslieder Islands inspirierten mich zu meiner ersten Solo-CD, auf der ich die einfachen unbegleiteten Melodien neben Lieder von Schubert stelle. Das Projekt hatte den Arbeitstitel „Zu mir, in das Boot“, dahinter könnte man schon ein Wikinger-Thema vermuten.

War Deutschland ein Kulturschock für dich?

Kein Schock, aber eine große Umstellung schon. In Berlin leben 3,7 Millionen Menschen und in ganz Island nur 356.000. Ich hatte das Glück, dass mir Deutschland und seine Sprache vertraut waren, denn ich bin mit neun ein Jahr in Heidelberg zur Schule gegangen. Wenn man Berufsmusiker werden möchte, muss man für eine gute Ausbildung raus aus Island, ich habe Berlin gewählt.

Du hast erst mit vierzehn in deiner Rockband mit dem Singen begonnen, in der Regel lernen Evangelisten ihr Handwerk eher in Knabenchören.

Bei Familientreffen sangen wir mit siebzehn Onkel und Tanten vierstimmig, daher denke ich, dass wir eine musikalische Familie sind. Meine Mutter ist ausgebildete Sängerin, aber ich habe mit klassischer Gitarre begonnen. Das Singen kam mit der Band, Chormusik habe ich später im isländischen Jugendchor kennen- und lieben gelernt.

Und wie wurde das Hobby zum Beruf?

Mein Vater schenkte mir zum sechszehnten Geburtstag eine CD von Fritz Wunderlich, die mich so in den Bann geschlagen hat, dass ich nur noch eines wollte: Sänger in Deutschland zu werden.

Dein Vater ist Theologe, auch du bezeichnest dich als gläubigen Christen. Wie wichtig sind dir Oratorien und ihre Botschaften?

Sehr wichtig, ein Beispiel ist die Johannespassion für Tenor allein, die ich 2019 mit dem Podium Esslingen aufgenommen habe und für die wir den Opus Klassik als innovativstes Konzert gewonnen haben. Ich singe alle Partien, bin also Jesus, Petrus, Pilatus, die Magd und die Juden. Eine verrückte Idee, aber ich habe ein Konzept entwickelt, wie man das Stück mit nur einem Sänger, Schlagwerk und Tasteninstrument aufführen kann.

Deine Stimme klingt nordisch hell, hast du ein Vorbild?

Ja, ich habe Vorbilder, aber nicht im Sinne von „Ich möchte genauso wie dieser Sänger klingen“. Ich versuche immer die natürliche Farbe meiner Stimme zu erhalten.

Der Kanon vor den großen christlichen Festen ist eng: Du singst über Wochen Bachs Weihnachtsoratorium oder seine Passionen. Hast du Angst vor Routine?

Nein, denn nur die Gegenwart zählt. Ich gebe immer alles und singe jedes Konzert als ob es mein Letztes wäre.

Was sind die Momente puren Glücks?

Wenn ich spüre, dass ich die Menschen bewege. Das sind magische Momente. Wenn ich sie erreicht habe, spüre ich als Resonanz die Energie der Zuhörer.

Aktuelle CDs

»Drang in die Ferne« , Genuin 2018
Schubert-Lieder und Volkslieder aus Island
Tillmann Höfs, Horn
Alexander Schmalcz, Klavier

»Johannespassion für Tenor allein, Cembalo, Orgel und Schlagwerk
eine Produktion des PODIUM Esslingen, Livemitschnitt Mai 2019
Benedikt Kristjánsson, Tenor
Elina Albach, Cembalo und Orgel
Philipp Lamprecht, Schlagwerk